Auf der Suche nach der Kubacher Tropfsteinhöhle – Teil 1
Kultur, Weilburg 27 03 2009 - 10:58 Teil 1 von Karl-Heinz Schröder1967 wurde ich auf eigenen Wunsch von der Schillerschule in Friedberg an das Weilburger Gymnasium versetzt.
Wir, meine Frau Margrit und ich, wollten gern ein Haus in landschaftlich schöner Umgebung für uns und unsere zwei, kurz danach drei, Kinder bauen. Deshalb hatten wir uns 1966 nach und nach alle Städte mit Gymnasium in unserem Regierungsbezirk angeschaut. Als wir an einem warmen Sommerabend nach der Besichtigung von Limburg am Postplatz in Weilburg ankamen, schräg gegenüber das prächtige Schloss sahen, umgeben von der Altstadt, der Lahn, Bergen und Wäldern, wussten wir es sofort: Das ist die Stadt, wo wir für den Rest unseres Lebens wohnen möchten, für uns die schönste Stadt in Hessen. Ich beantragte die Versetzung, die auch genehmigt wurde. Wir kauften uns ein großes Süd-hanggrundstück am Ortsrand von Kubach und ließen dort unser Eigenheim errichten.
1970 mussten die holzverkleideten Giebel unseres Hauses neu gestrichen werden. Wir beauftragten damit den Malermeister Hermann Schmidt, einen gebürtigen Kubacher. Nachdem er den Giebel an der Westseite des Hauses gestrichen hatte, stieg er die Leiter wieder hinab und zeigte dabei auf den unserem Haus gegenüber liegenden Bergrücken. „Wissen Sie eigentlich, dass in dem Berg dort eine wunderschöne Tropfsteinhöhle liegen soll?” fragte er uns. Wir schauten uns erstaunt an und antworteten: “Nein! Wirklich?” Wieder auf dem Boden angekommen, erklärte uns der Maler:” Die Höhle wurde vor langer Zeit beim Bergbau entdeckt. Leider ist der Zugang verschüttet und niemand weiß mehr, wo sie liegt. Aber ich habe als Bub noch gesehen, dass Leute aus Kubach Tropfsteine aus dieser Höhle auf dem Vertiko in ihrem Wohnzimmer liegen hatten.“
Nachdem der Maler wieder fortgefahren war, sassen wir noch lange auf unserer Terrasse. Die Kinder spielten im Garten und wir unterhielten uns über diese Höhle. Wir erinnerten uns an Schauhöhlen, die wir früher einmal besichtigt hatten, z. B. die Iberger Tropfsteinhöhle im Harz. „Das müsste doch toll sein, solch eine schöne Höhle ganz in unserer Nähe zu haben”, meinte meine Frau. „Man müsste versuchen, sie wieder zu finden.“
Dieser Gedanke ließ mich und uns beide nicht mehr los. Er bestimmte von nun an unser weiteres Leben und es verging kein Tag, an dem wir nicht an diese Höhle dachten und von ihr sprachen.
Ich begann mit meinen Nachforschungen, indem ich als erstes zum Weilburger Bergamt fuhr und dort nach Unterlagen über die Höhle suchte. Später recherchierte ich auch im Heimat- und Bergbaumuseum, im Keller und auf dem Speicher des Landratsamtes, in der Nassauischen Bibliothek des Weilburger Gymnasiums, im Weilburger Amtsgericht und Katasteramt, im – zum Abriss freigegebenen – Haus eines Limburger Düngemittelfabrikanten und im Wiesbadener Hauptstaatsarchiv. Außerdem studierte ich zahlreiche Bücher, die ich über die Fernleihe der Kreisbücherei bestellte.
Durch die Nachforschungen erfuhr ich, dass hauptsächlich im 19. Jahrhundert in der Kubacher Gemarkung, Richtung Freienfels, Phosphoritbergbau stattgefunden hatte. Bergleute aus Kubach und Umgebung hatten auf mühevolle Weise mit der Hand bis zu 70m tiefe Schächte in den Kalk getrieben, der die Phosphoritnester umgibt, und aus Ritzen und Spalten das Phosphorit herausgehauen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab man diesen Bergbau auf, weil es billiger war, das Phosphorit, das man in der Düngemittelindustrie und zur Metallveredelung braucht, aus dem Ausland einzuführen, wo es über Tage abgebaut werden konnte. Im ersten Weltkrieg und in den Jahren danach war man aber wieder auf das heimische Phosphorit angewiesen und lebte der Bergbau für kurze Zeit noch einmal auf.
Da die Bergwerksgesellschaften für die Schächte Pacht an die Grundeigentümer zahlen mussten, wurden die vielen Schächte, die sich hauptsächlich in dem Gebiet zwischen der Straße von Kubach nach Freienfels und dem Wald rechts davon befanden, möglichst bald wieder zugeschüttet, so auch der Schacht, von dem aus man die legendäre Tropfsteinhöhle erreicht hatte.
In den Akten des Bergamts Weilburg fand ich außer vielem, was mir nicht weiterhalf, einen Artikel im „Weilburger Tageblatt” von 1906 und das Gutachten eines Königlichen Bergrats Polster von 1907. In beiden Dokumenten wird eine Tropfsteinhöhle in der Kubacher Gemarkung erwähnt, – endlich ein Erfolg, der mich motivierte, weiter zu suchen.
Aus dem Artikel des „Weilburger Tageblatts” geht hervor, dass die Höhle 1881 von Bergleuten entdeckt wurde. Von der danach 63 m langen und 38 m breiten Haupthalle der „prächtigen Tropfsteinhöhle” seien Gänge abgezweigt, die man mit Wagen, vermutlich Bergwerksloren, hätte befahren können.
Das Gutachten des Königlichen Bergrats Polster von 1907 wurde aufgrund der Angaben des Steigers Schmidt aus Kubach verfasst, der 1881 in der hiernach 64m langen, 36,5m breiten und 30m hohen Höhle gewesen war. Die Lage der Höhle oder des Schachtes, von dem aus man sie über ein Gesenk erreicht hatte, ist in dem Gutachten leider ebenso wenig angegeben wie in dem Artikel des „Weilburger Tageblatts“. Eingezeichnet ist in einer Skizze ein über der Höhle durch Lehm und Schal-stein in die Tiefe getriebener Schacht, der in 22 m Tiefe den Kalk erreicht hatte.
Die Kosten für die Wiederzugänglichmachung der Höhle durch Abteufen eines 40m tiefen Schachtes mit einem Quervortrieb werden in dem Gutachten mit 900 Mark beziffert. Der Magistrat der Stadt Weilburg folgte später einem Antrag des Kreisausschusses des Oberlahnkreises, stellte jedoch nur 30 Mark zur Verfügung, so dass das Projekt scheiterte, ebenso ein späterer Anlauf 1956. Dem umfangreichen Schriftverkehr, den ich mit den früheren Bergwerksgesellschaften und ihren Nachfolge – Gesellschaften führte, konnte ich leider ebenfalls keine Informationen über die Lage der gesuchten Höhle entnehmen.
Dass es sie gibt, beweisen außer dem Artikel im „Weilburger Tageblatt” und dem Gutachten von 1907 vier Tropfsteine, die nach dem großen Brand Anfang der 70er Jahre in einer Kiste auf dem Dachboden des Heimat- und Bergbaumuseums entdeckt wurden, – Fundort: “zwischen Freienfels und Cubach”, wo ja die gesuchte Tropfsteinhöhle liegen soll.
In einer- in der damaligen DDR erschienenen „Kleinen Enzyklopädie Natur” ist noch nicht einmal die bekannte Attahöhle im Sauerland angegeben, wohl aber „Tropfsteinhöhlen bei Weinbach, Cubach und Weilburg in den Massenkalken des Devon”. Ich schrieb an den Leipziger Verlag, in dem dieses Buch erschienen ist, bekam lange keine Antwort und erfuhr endlich, dass nicht mehr aufzuklären sei, wie es zu diesen Angaben gekommen sei.
Der seinerzeit an der Preußischen Geologischen Landesanstalt Berlin tätige Geologe W. Kegel erwähnt in seiner Darstellung der Phosphoritlagerstätten in Nassau, erschienen 1922 in Berlin, Höhlen in der Kubacher Gemarkung. In 70m Tiefe erstrecke sich eine große Zahl von vorwiegend schlauch förmig gewundenen Hohlräumen, die so häufig seien, dass der trennende Kalk oftmals nur noch in einzelnen Blöcken erhalten geblieben sei. Eine große Zahl dieser Hohlräume sei durch Spalten miteinander verbunden und bilde ein ganzes System. Eine kesselförmige, bis dahin unberührte Höhle habe er selber befahren und dabei herrliche Kalkspatbildungen und deutlich heraus präparierte Korallenstöcke festgestellt. Leider enthält auch diese Abhandlung keine Angaben über die Lage der gesuchten Tropfsteinhöhle.
So nahm ich als nächstes Kontakt zu hessischen Höhlenforschern und Wissenschaftlern aus ganz Deutschland auf, die dann nach und nach mit unterschiedlichen Verfahren die Höhle zu orten versuchten.
Außerdem befragte ich alte Kubacher Bürger, vor allem Nachkommen von ehemaligen Bergleuten. Die meisten von ihnen hatten noch nie etwas davon gehört, dass in der Kubacher Gemarkung eine Tropfsteinhöhle liegen solle und wollten dies kaum glauben. Dass sich etwas für uns sehr Interessantes nicht überliefert hat, ist sicher hauptsächlich auf das harte Leben der damaligen Bergleute zurückzuführen. Weil sie als Bergleute wenig verdienten, betrieben die meisten von ihnen nebenher noch eine kleine Landwirtschaft. Sie mussten sehr früh aufstehen, ihr Vieh versorgen, dann zu Fuß zu den Bergwerksfeldern marschieren und sich nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag abends noch um ihre Landwirtschaft kümmern. Danach fielen sie todmüde in ihr Bett und hatten keine Zeit und keine Kraft übrig, um sich mit anderem als dem für ihr Leben Notwendigen zu beschäftigen. Fremdenverkehr gab es damals noch nicht, und so hatte kaum jemand Interesse an einer Höhle.
Durch meine Befragungen von alten Kubacher Bürgern wurden nach und nach auch andere Kubacher auf unser Projekt aufmerksam. Sie besuchten uns, ließen sich informieren und wurden unsere Mitstreiter.
Zusammen mit hessischen Höhlenforschern versuchten wir alte Bergwerksschächte zu lokalisieren und einen von ihnen wieder zugänglich zu machen. Wir hatten gehofft, dass dieser alte Reifenschacht nur oben abgedeckt, im unteren Bereich vielleicht noch offen sei, man sich abseilen und in der Tiefe etwas entdecken könne, vielleicht einen Gang, der zu der gesuchten Höhle führen könnte.
In der nächsten Ausgabe vom Oberlahn-Express
erfahren Sie, wie es weitergeht mit der Suche und dem Fund der Kubacher Tropfsteinhöhle.
Erschienen in der Oberlahn-Express Ausgabe vom 07.03.2009
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